Die Percht-Nacht: Die letzte Schleife im dunklen Garn der Raunächte

Ein Abend mit der Percht und das Versprechen, das wir unserer Seele geben

Eine einzelne Kerze, deren Flamme sich im Raureif eines verschneiten Fensterbretts spiegelt, davor ein kleiner Milchteller.

Das Klicken im Dunkeln, das kein Ast war

Es war in der sechsten Raunacht, tief in der Stille nach Mitternacht. Der Schnee unter meinen Sohlen sprach sein knirschendes Geheimnis, als ich mit dem Hund ging. Plötzlich durchschnitt es die schwarze Samtluft: ein metallenes, endgültiges Klicken. Nicht von dieser Welt. Ein Schauer lief mir den Rücken hinab, nicht aus Kälte, sondern aus ehrfürchtigem Erkennen. Sie war da. Die große Weberin am Webstuhl unserer Seelen, die letzte Richterin der Raunächte: Frau Percht.

Sie schneidet nicht, um zu zerstören. Sie richtet, um zu heilen.

Ihr Wirken wird oft missverstanden. Die Schere in ihrer Hand ist kein Werkzeug der Strafe, sondern ein Instrument der Gnade. Sie durchtrennt die morschen, verfilzten Fäden in unserem Lebensgewebe – die Fäden der bequemen Lüge, des stillen Neids, der selbstaufgegebenen Träume. Ihre Strenge ist die letzte, liebende Zuwendung einer Mutter, die verhindern will, dass wir uns endgültig in den eigenen Verstrickungen verlieren. Sie ruft uns, mit einer Stimme aus Stahl und Seide, zu unserem wahrhaftigen Kern zurück.

Drei klare Schritte in dieser heiligen Nacht

Dies ist die letzte Schleife, die letzte Gelegenheit, das Garn zu glätten, bevor der neue Zyklus sein Rad dreht. Hier ist deine Handlungspraxis für diesen Abend:

  1. Ein Raum der Reinigung: Zünde eine Räucherkohle und bestreue sie mit Wacholderbeeren und Beifuß. Gehe mit der Räucherschale von Raum zu Raum, besonders in Ecken und hinter Türen. Visualisiere, wie der Rauch alle Trübungen des alten Jahres aufnimmt und nach draußen trägt. Öffne dann kurz ein Fenster, um es entweichen zu lassen.
  2. Ein Akt des Respekts: Bereite eine kleine Schale mit frischer Milch, einem Löffel Honig oder einem Stück dunklem Brot. Stelle diese Gabe an die Schwelle deiner Haustür, an den Fuß eines alten Baumes oder auf deine Balkon. Es ist ein stilles Zeichen des Austauschs: Ich nehme den Segen an und gebe meine Bereitschaft zurück.
  3. Das Gespräch mit der eigenen Seele: Setze dich für zwanzig Minuten in absolute Stille. Halten dein Tagebuch bereit. Stelle sich nicht die allgemeine Frage “Was war schlecht?”. Stelle deiner Seele diese zwei konkreten Fragen und notiere die ersten Antworten, die kommen, ohne sie zu zensieren:
    „Wann, in den letzten zwölf Monaten, habe ich mich selbst am tiefsten verlassen?“
    „Welches Versprechen an mich selbst bin ich bereit, heute Nacht feierlich zu erneuern?“

Das Licht-Versprechen: Dein Schwur an die kommende Zeit

Nun, nimm eine Kerze. Entzünde sie. Schaue minutenlang in diese stille, aufrechte Flamme. Lass die Erkenntnisse aus deiner Reflexion in deinem Herzen kreisen. Dann sprichen leise oder im Geiste dieses Gelöbnis – Dein persönliches Percht-Versprechen:

“Ich, [Ihr Name], verspreche, die Flamme meines Wesenslichtes durch den neuen Zyklus zu tragen. Unverstellt und unerschrocken. Ich verpflichte mich, den Faden meiner Wahrheit weiterzuspinnen, im Einklang mit allem, was lebt. So sei es.”*

Lasse die Kerze in Sicherheit niederbrennen.

Welchen Faden wirst du heute Nacht durchschneiden?

Die Dunkelheit dieser Percht-Nacht ist der vollkommenste Resonanzraum für deine innere Klarheit. Der loseste Faden, die größte Ausrede, das halbherzigste Vorhaben – welches davon opferst du der transformierenden Schere der Einsicht, um befreit in den neuen Morgen zu treten?

Teile dein einziges, zentrales Percht-Versprechen hier mit mir. Weben wir aus unseren Vorsätzen ein gemeinsames, unzerreißbares Band, das uns durch das kommende Jahr trägt.

Ich beginne:

Ich verspreche, der sanften, aber bestimmten Stimme meiner Intuition noch bedingungsloser zu folgen, selbst wenn sie mich aus bequemen Gewohnheiten ruft.

Kategorien: Selbst und Seele